Es war ein Dienstag. Und so wie die letzten Tage auch schon, regnete es an diesem kühle, grauen Vormittag. Leicht genervt und ohne jeglichen kreativen Ansatz beschloss ich, dass mir ein Tapetenwechsel bei der Arbeit helfen würde. Also packte ich kurzerhand meinen Laptop, Labello, Handcreme, Handy, Schlüssel, Kopfhörer und Geld ein, um mich in eins meiner liebsten Cafés zu setzen. Das Café “Um’s Eck”.
Das Café ist eines dieser unscheinbaren, kleinen Lokale, die schon lange da sind, ohne sich aufzudrängen. Keine durchgestylte Hipster-Oase, kein zu lautes Musikgedudel. Nur der Geruch von frisch gemahlenem Kaffee, leicht abgewetzten Tischen und ein Fenster, durch das das Licht wie durch einen Filter fiel.
Ich setzte mich an besagtes Fenster, bestellte einen Verlängerten (schwarz, ohne Zucker) und versuchte, mich in das Thema meines nächsten Projekts einzulesen. Wie so oft schweiften meine Gedanken dabei ab und gerade, als ich mich erneut zwang, den Cursor endlich über die erste Zeile meines Textes zu setzen, hörte ich eine Stimme.
Eine Frau, Mitte fünfzig, vielleicht ein wenig älter. Kurze, graue Haare, ein Schal, der mehr nach Prag als nach Wien aussah, und eine Tasse, die sie mit beiden Händen umfasste, obwohl der Kaffee längst nicht mehr dampfte.
Sie sprach mit der Kellnerin über das neue Kassensystem, über „diese neuen Geräte, die immer wissen wollen, ob man Trinkgeld geben möchte, bevor man überhaupt was bekommen hat“. Ihr Ton war nicht bitter, nur trocken. Ich schmunzelte, leicht ertappt, und sie bemerkte es.
Unsere Blicke trafen sich. Und irgendwie – ich weiß bis heute nicht genau, wie – entwickelte sich ein Gespräch. Erst über Kaffee, dann über das Wetter, dann über das Café selbst. Und dann, plötzlich und unbemerkt, waren wir mittendrin in Themen, die man sonst nicht mit Fremden teilt.
Sie erzählte mir von ihrem früheren Job in einer Agentur. Von durchgearbeiteten Nächten, von Männern, die ihr erklären wollten, was sie selbst entworfen hatte. Nicht wütend. Nicht klagend. Nur in diesem bestimmten Ton, der mehr weiß, als er sagt.
Ich fragte sie, ob sie noch arbeitet. Sie schüttelte den Kopf. “Ich schreib manchmal. Nicht für Geld. Eher, um Ordnung in meinem Kopf zu machen.“ Sie hielt inne. „Eigentlich wollt ich immer Journalistin werden. Hab’s auch versucht. Aber das Leben hatte andere Pläne. Oder sagen wir: Ich hab meine Pläne oft verschoben, weil andere sie für weniger wichtig gehalten haben.“
Anders als erwartet, hörte ich in ihrer Stimme keinen Groll oder Wehmut, einfach nur Gelassenheit und Akzeptanz. Und genau das machte mich nachdenklich. Ich schaute auf meinen Laptop, die leere Seite. Ich hatte auf einmal das Gefühl, bei diesem Gespräch mehr zu lernen, als bei jeder Recherche.
Wir sprachen danach noch über anderes. Bücher, das Alleinsein, Stille aushalten, und zuletzt über das Älterwerden. Das, wie sie sagte, nicht automatisch klüger macht, aber geduldiger“.
Als sie ging, legte sie die Hand kurz auf meinen Tisch. Nur einen Moment. „Mach’s dir nicht zu schwer“, sagte sie. „Aber mach’s gut.“ Und dann war sie weg. Ohne Eile. Ohne nachzusehen, ob ich ihr nachschaue. Ich blieb sitzen, lange. Mein Kaffee war kalt. Mein Text weiterhin ungeschrieben. Aber etwas in mir war klarer geworden. Ich dachte später oft an sie. An die Ruhe in ihrer Stimme. An Sätze, die keine Lösung sein sollten, nur eine Feststellung.
Ich fragte mich, wie viele solcher Gespräche ich wohl schon verpasst hatte, weil ich zu beschäftigt war. Zu beschäftigt mit mir, mit To-do-Listen, mit dem Versuch, jeden Tag „produktiv“ zu machen. Und warum dieses Gespräch so in mir nachhallt.
Weil es nicht laut war. Weil es nichts wollte. Sondern weil es einen Raum aufmachte, indem ich mich selbst nochmal neu betrachten konnte. Es war kein Gespräch, das mein Leben veränderte. Aber vielleicht war es eines, das mir zeigte, wo ich noch Platz machen kann. Für Gedanken, für Zweifel, für andere Stimmen.
