Ich weiß nicht, warum es so lange gedauert hat, bis ich mich endlich dazu aufraffen konnte, die graubraunen Flecken und schwarzen Striche an meiner Wohnzimmerwand zu übermalen. Aber heute war der Tag der Tage.
Ich hatte mir bereits im Vorhinein Farbe bestellt. Um genau zu sein die 02 “Beige mit Kaschmir”. Ein sanftes Offwhite, ganz leichte Erdtöne, klassisch. Oder auch langweilig, wie kreative Hipster wahrscheinlich sagen würden.
Jedenfalls stand ich da, an einem Samstagvormittag, in meiner grauen H&M Jogginghose und einem Farbtopf, der viel zu groß war für das, was ich eigentlich vorhatte. „Nur schnell das Wohnzimmer streichen“, hatte ich mir vorgenommen.
Schon beim Abkleben der Leisten wurde meine Geduld auf die Probe gestellt. Die Kleberolle löste sich nicht gleichmäßig ab, und das Malerkrepp wollte nicht an der Wand haften. Stattdessen klebte es an mir und mein Frust wurde immer größer.
Ich weiß nicht, was ich mir erwartet habe. Wahrscheinlich zu viel. “Es ist nur eine Wand, kein großer Neustart”, wiederholte ich in meinem Kopf. Ich fing oben links an – wie man es vermutlich nicht tun sollte – und arbeitete mich in einer Art spiralförmigem Chaos durch die Fläche.
Nach zwanzig Minuten war ich klatschnass geschwitzt. Die Rolle schmiert, die Farbe deckt nicht richtig, und in der Ecke über dem Bücherregal – ein Bereich, den man eigentlich nur mit einem mittleren Leistenbruch erreichen konnte – passierte, was passieren musste: Die Rolle fiel. Auf mich. Auf den Boden. Auf alles, was eigentlich keine Farbe hätte sehen sollen.
Jetzt stand ich da fluchend in der Mittagshitze vollgespritzt mit Farbe. In einer ähnlichen Laune, wie ich sie das letzte Mal hatte, als ich vergeblich versuchte, ein IKEA Regal aufzubauen. Und trotzdem fasste ich den Entschluss, weiterzumachen.
Was mich durchhalten ließ, war nicht Disziplin oder Ehrgeiz. Es war eher eine Mischung aus Trotz und “da muss ich jetzt halt durch”. Ich hatte das Gefühl, wenn ich jetzt aufgebe, dann scheitere ich nicht nur am Streichen, sondern an mir selbst. Was natürlich kompletter Unsinn ist. Aber in diesem Moment erschien es mir absolut logisch.
Zwischendurch telefonierte ich mit einer Freundin, die lachte, als ich ihr erzählte, dass ich gerade versuche, gleichzeitig zu streichen, zu essen und Podcasts über Effizienz und Produktivität zu hören. „Vielleicht solltest du einfach nur streichen“, meinte sie.
Und sie hatte recht. Ich legte das Handy weg. Machte statt des Podcasts meine Lieblings-Playlist an und setzte meine Mission fort. Rolle eintauchen, abrollen, ansetzen, streichen.
Ich kam langsam in den Rhythmus. Es hatte fast was meditatives. Denn irgendwann dachte ich nicht mehr darüber nach, was ich an diesem Samstag noch alles machen sollte. Einkaufen, Sport machen, Staubsaugen, Emails beantworten, Rechnungen für die Steuer ordnen, was man eben so macht.
Aber ich dachte ausnahmsweise mal an gar nichts. Nur daran, dass ich nicht über die Plastikplane stolpere. Und in genau diesem Moment, als ich mühsamst versuchte, hinter dem Heizkörper zu malen, passierte etwas Unerwartetes: Ich fühlte mich ruhig. Nicht glücklich oder erfüllt – nur ruhig. Es war, als hätte ich die ganze Zeit gegen etwas angekämpft. Und jetzt ließ ich es einfach auf mich zukommen.
Ich musste daran denken, wie oft ich versuche, alles gleichzeitig zu lösen. Die Karriere vorantreiben. Die Wohnung verschönern. Die Beziehungen klären. Und am besten noch 5 Lebensentscheidungen treffen, während ich einen super healthy Smoothie mache.
Aber vielleicht ist das der Trugschluss: Dass man denkt, man könnte sein Leben durch Effizienz steuern. Vielleicht geht es manchmal gar nicht darum, Dinge zu erledigen, sondern sich wirklich auf eine Sache einzulassen. Selbst wenn sie absurd ist. Oder chaotisch. Oder unfertig.
Ich musste schmunzeln. All der Aufwand. All die Flüche. Und doch: Es war nicht sinnlos. Im Gegenteil. Es war ein kleiner Triumph. Nicht darüber, dass ich etwas „geschafft“ hatte. Sondern darüber, dass ich mir erlaubt hatte, mittendrin loszulassen.
Während ich einen bereits kalten Kaffee trank, schaute ich auf die Wand. Und wie das Licht darauf fiel. Sie war nicht perfekt. Ich bin mir nicht mal sicher, ob sie nun besser aussieht, als vorher. An manchen Stellen war die Farbe zu dünn, an anderen zu dick. Aber plötzlich störte es mich nicht mehr. Denn ich sah: Die Wand war heller geworden. Nicht perfekt, aber heller. Und ich auch.
