Ich mag Geburtstage nicht. Jedes Jahr der gleiche Stress, ein passendes Geschenk besorgen zu können. Bei manchen Feiern hat man gar das Gefühl, ungewollt an dem Battle der besten Geschenke teilzunehmen.
Über welches Geschenk freut er sich wohl am meisten? Welches wird er tatsächlich benutzen und welches wird er schamlos weiterschenken? An welcher Stelle wird er ein erzwungenes Lachen aufsetzen, ein etwas zu enthusiastisches “Dankeschön” aussprechen, das Geschenk dann an seinen designierten Ehrenplatz stellen und nie wieder beachten?
Bei meinem eigenen Geburtstag kann ich mich problemlos hinter Kuchen, Lachen und halbherzigen Glückwünschen verstecken. Aber wenn jemand aus meinem engeren Kreis Geburtstag hat, dann beginnt jedes Jahr aufs Neue dieses stille Ringen: Was schenkt man jemandem, der einem so nah ist, dass kein Gegenstand der Welt eigentlich ausreicht?
Ich denke, die meisten Menschen lösen es pragmatisch. Ein Buch, das man schnell in einer Thalia-Filiale am Bahnhof mitnimmt. Eine Flasche Wein aus dem eigenen Vorrat, die mit einer netten Schleife drum herum gleich noch etwas persönlicher wirkt. Oder Gutscheine, die praktisch, aber auch so gesichtslos sind wie das Geschenkpapier, in das man sie wickelt.
Bei Jonas, meinem Freund seit Kindertagen, werde ich es mir bestimmt nicht so einfach machen. Bevor ich ihm eine Flasche Wein und ein Buch schenke, komme ich lieber mit leeren Händen. Jonas verdient mehr, als irgendeinen belanglosen Gegenstand mit einer geschmacklosen Happy-Birthday-Glückwunschkarte.
Ich erinnere mich zurück: Wie wir uns seit knapp 27 Jahren immer wieder auf der Schaukel desselben Spielplatzes treffen. Früher zum Schaukeln, heute, um gemeinsam bei einer Zigarette über das Leben zu philosophieren.
Tatsächlich rauche ich sonst nicht. Nur wenn ich mit Jonas zusammen bin. Er ist leidenschaftlicher Raucher. Und dabei nicht unbedingt nur Zigaretten. Wir sitzen oft auch bei ihm auf der Terrasse und rauchen Shisha. Ihn fasziniert die Welt des Qualms einfach. Und er selbst bezeichnet es als den größten Genuss, in guter Gesellschaft Wasserpfeife zu rauchen. Ich verbinde diesen Genuss mit unserer Freundschaft. Die mir mehr als alle anderen meiner Freundschaften bedeutet.
Und so kommt es, dass ich eines Tages auf dem Weg zur Arbeit durch eine Straße eines sehr hippen Viertels gehe und mir ein Esoterikladen ins Auge sticht. In der Auslage befinden sich Schlüsselanhänger mit Federn, Räucherstäbchen, Kristalle, die angeblich Energien speichern und: eine Glasbong.
Sie war schlicht, nicht überladen, und doch hatte sie eine stille Eleganz. Ich konnte sofort sehen, wie Jonas sie in der Hand hielt, auf der Terrasse, mit diesem Ausdruck zwischen Gelassenheit und Gedankenflucht. Ich kaufte sie, fast ohne nachzudenken. Und als ich sie ihm schlussendlich überreichte, war da dieses kurze Aufleuchten in seinen Augen, das mehr sagte als jede Dankesrede.
Seitdem steht sie bei ihm im Regal wie ein stiller Begleiter. Wenn wir zusammensitzen, ist sie da. Nicht im Mittelpunkt, aber auch nicht zu übersehen. Sie ist sozusagen das Bindeglied zwischen unseren Gesprächen. Und manchmal denke ich, dass dieses Geschenk weniger ein Gegenstand war, sondern ein Zeichen für unsere tiefe, freundschaftliche Verbundenheit.
Jetzt, wo sein nächster Geburtstag vor der Tür steht, ertappe ich mich bei denselben Gedanken wie damals. Was schenkt man einem Menschen, der eigentlich schon alles hat, was er braucht? Und dann wird mir klar: Es geht gar nicht darum, etwas Neues zu erfinden. Vielleicht geht es nur darum, etwas fortzusetzen.Also werde ich diesmal wohl wieder eine neue Bong kaufen. Nicht, weil die alte ersetzt werden müsste, sondern weil Geschenke manchmal wie Markierungen sind. Sie setzen Punkte in einer Geschichte, die weitergeschrieben wird. Vielleicht ist das ja das Geheimnis guter Geschenke: Sie sind keine Dinge, die man besitzt, sondern Brücken, die man immer wieder betritt und zwischenmenschliche Beziehungen, die es wert sind, sie zu pflegen.
