Was Städte mir über Menschen erzählen


Es gibt Städte, die dich umarmen. Sie wirken wie offene Bücher, die zum Lesen einladen. Und dann gibt es Städte, bei denen man schnell checkt, dass man dort nicht so richtig hingehört. Oder um bei der Buchmetapher zu bleiben: Man hört schon nach dem Vorwort auf zu lesen. 

Ich glaube, ich habe beide Arten von Städten erlebt. Wien ist für mich so eine Stadt, die beides kann. An manchen Tagen scheint sie sich auf die Zehenspitzen zu stellen, als wolle sie dir mit stiller Eleganz ins Ohr flüstern: „Lies mich langsam.“ An anderen Tagen presst sie die Lippen aufeinander, schaut dich über den Brillenrand hinweg an und sagt: „Was willst du hier, Hawara?“ 

Es ist eine Stadt, die bestimmt nicht mit dir flirtet. Wenn überhaupt, dann nickt sie dir im Vorbeigehen zu. Kurz, knapp, ernst, vielleicht sogar ein bisschen sarkastisch. Wien will nicht gefallen. Und trotzdem gefällt die Stadt so vielen. Vielleicht macht ja gerade das ihren Charme aus. Es gibt Tage, an denen ich mich frage, ob ich Teil dieser Stadt bin oder nur jemand, der durch sie hindurchgeht. So, wie man durch eine Ausstellung geht, deren Kurator man nicht kennt.

Ganz anders war es in Madrid. Ich habe eine Zeit lang dort gewohnt. Nicht im Zentrum, sondern etwas außerhalb, im 15. Bezirk, Ciudad Lineal. Kein Viertel, das auf Postkarten auftaucht. Keine weiß glitzernden Altstadtfassaden, keine Tapasteller in perfektem Licht. Aber echt. Und lebendig. 

Mein Apartment war klein, der Wasserhahn tropfte, der Nachbar spielte jeden Abend dieselbe Flamenco-Musik, aber ich habe selten so gut geschlafen wie dort. Und das, obwohl es im Juli auch nachts über 30 Grad hatte. 

Gleich in der Nähe gab es einen Park, nicht spektakulär, auf einem Hügel angelegt. Ich ging dort gerne joggen. Vor allem deswegen, weil man von einem bestimmten Punkt im Park aus einerseits auf die Stadt und andererseits auf die Berge sehen konnte. Und weil ich dort keine Ampeln hatte, die meinen Lauf unterbrechen konnten. 

In der Dämmerung wirken die Berge fast wie gemalt. In Violett- und Rottönen, die kein Instagramfilter besser hinbekommen würde. Während ich lief, kam es mir manchmal so vor, als würde ich nicht nur an Laternen und Bäumen vorbeikommen, sondern an kleinen Versionen meiner selbst: die, die zweifelte, die, die suchte, die, die einfach mal nur rennen wollte. 

Madrid war für mich nie ein Ort, an dem ich performen musste. Ich konnte laut sein, leise, überdreht, erschöpft – es war niemandem wichtig. Und genau das war das Schöne daran. Niemand hat mich schräg angesehen, wenn ich in Jogginghose in die Bäckerei schlenderte. Genauso hat niemand dumm geredet, wenn ich abends allein unterwegs zu Freunden war. Kein Catcalling, kein belehrendes Lächeln, keine verurteilenden Blicke für ein knappes Outfit. Einfach Ruhe und Respekt. In einer doch so lauten Metropole. 

Diese Stadt lässt dich in Ruhe, ohne dich allein zu lassen. Sie will nichts von dir – außer, dass du du bist. Und das ist gar nicht so selbstverständlich. Vielleicht hat das mit der Sonne zu tun, die selbst im Winter bei Temperaturen rund um den Nullpunkt quasi täglich strahlt. Oder am Klang der Sprache, an der Selbstverständlichkeit, mit der Menschen dort miteinander reden. 

Ich weiß es nicht. Aber ich weiß: Madrid hat mir beigebracht, dass das, was ich für Normalität hielt, oft einfach Gewöhnung an kleine Übergriffe war. An Blicke. An Kommentare. An dieses subtile „Mach dich kleiner“-Flimmern, das in manchen Städten mitschwingt, ohne dass es jemand anspricht.  

In Madrid war das anders. Und obwohl ich oft alleine war, habe ich mich selten so gesehen gefühlt. Nicht, weil jemand hingeschaut hat, sondern, weil ich nicht ständig daran erinnert wurde, dass ich da bin. Weil ich einfach da sein konnte. Ohne Rolle. Ohne Rückfragen.

Wien zeigt mir oft, wie vorsichtig ich geworden bin. Wie sehr ich mich anpasse, abwäge, forme. Madrid hingegen hat mir gezeigt, wie ich bin, wenn ich loslasse. Wenn ich nicht das Gefühl habe, beobachtet zu werden. Beide Erkenntnisse sind valide und wichtig. 


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